marc mer | oppc
philosophie des raumes

marc mer

P H I L O S O P H I E  D E S  R A U M E S

 

   kunsttheorie | architekturtheorie | medientheorie

intermediale ästhetik der künste und des alltags

 

 

marc mer

R A U M E S   U N H E I M L I C H K E I T                                                                                      b e i  e n t h e i m l i c h t e m  l e i b e  w o a n d e r s                                                               [architektur   von   haus  aus  als  form   des   monströsen]

                                                                                                                                                           ein zynisches portrait nicht ganz wider willen

                                                                                                                                                     skizzen eines rundgangs in sechs kreisen und zweien,                                                               die scheinbar einen falschen anfang machen

 

*

lange habe ich nach einem anfang gesucht. und keinen gefunden. es gibt keinen anfang. für das, wovon ich sprechen will, gibt es keinen anfang. raumes unheimlichkeit fängt nicht an - irgendwo, irgendwann. ebensowenig hört sie auf - irgenddann, irgendda. was zugleich auch für den entheimlichten leib und das woanders gilt.

es gibt keinen anfang. drumherum und mittendrin ist immer schon. und während es so keinen anfang dafür gibt, kreise ich auch schon in dem, worüber ich spreche.

diese form, das kreisen, habe ich mir nicht eigentlich ausgesucht. das monströse hat sie mir vielmehr aufgezwungen. warum das so kam, wird sich in den kreisen selbst noch klären.

es gibt keinen anfang, weil überall anfang ist. das ist das wesen des kreisens. ich kreise von anfang an. weswegen ich denn auch, was das kreisen gerade ebenfalls so an sich hat, immer wieder an demselben vorbeikomme.

dazwischen allerdings, vom einen zum anderen mal, verstreicht zeit. nicht viel zeit. zeit genug jedoch, wie es scheint, um demselben zu erlauben, schon beim nächsten mal ein klein wenig anders zu sein. um mit jedem kreis, der folgt, noch einmal anders zu sein und noch einmal und immer so weiter.

dieses kreisen geht lange. der kreise, die ich gehe, sind einige. dass es dabei ums gehen geht, ist selbstverständlich. schließlich geht es um architektur. und auch das schließliche ist, worum es ihr geht. das einschließliche und das ausschließliche damit zugleich. eine architektur aber, die nur schließt, ist gar keine. noch ist sie keine. oder eine auch nicht mehr.

wie aber nun damit anfangen? mit dem nachzeichnen der kreise, die ich aufgezeichnet habe? womit sich der anfang nur noch einmal als ebenjene schwierigkeit einstellt, wie sie das kreisen selbst so mit sich bringt. aller anfang im kreisen ist gestellt.

um keinen wirklichen anfang zu machen, stelle ich antworten an den anfang. antworten, mit denen niemals etwas anfängt. um keinen richtigen anfang zu bekommen, stelle ich die fragen dazu nicht. fragen, mit denen immer alles anfangen kann.

erste antwort: haus, das sich schließt, macht raum heimlich. zweite antwort: in seinem heimlichen raum macht das haus den leib heimlich. dritte antwort: haus, das sich öffnet, macht raum unheimlich. vierte antwort: was raum unheimlich macht, wiederholt sich.

vier antworten, die zusammen einen geschlossenen raum ergeben. das ist der raum, in dem ich kreise. ein raum von architektonischem format. ein raum vom format des gewöhnlichen hauses. eines hundsgewöhnlichen hauses.

ein raum wie in lars von triers film „dogville“. ein raum wie in einem seiner häuser. ein raum wie der zwischen seinen häusern. ein raum wie in dieser halle, seinem großen haus, das sie alle enthält und zusammenhält.

in einem solchen kreise ich also, wenn ich in meinem von vier antworten geschlossenen raum kreise. im geschlossenen jedenfalls, doch in erwartung dessen, was es mir eröffnen werde. denn dass sich da was öffnen muss, soviel ist gewiss. das architektonische format ist eines, das öffnet, was es schließt. ganz geschlossener raum hat kein architektonisches format.

und schon kommen, fast wie gerufen, erste fragen auf. die das geschlossene öffnen wollen. was ist das überhaupt: das unheimliche? ist es nicht zunächst einmal einfach nur das nichtheimliche? gegensatz des heimlichen? ist es nicht das vor allem? ist es nicht das, bevor es sonst noch etwas ist? und ist das unheimliche im geschlossenen nicht allein deshalb schon ein widerspruch? jedenfalls der sprache nach?

noch habe ich mich gar nicht richtig im kreisen eingerichtet, da spricht die sprache wie von selbst schon weiter. das schließen spricht vom heimlichmachen, das geschlossene vom heimlichsein.

wovon aber spricht dann das unheimliche? was spricht vom unheimlichmachen und was vom unheimlichsein? das öffnen? das offene? auf antworten darauf werde ich warten müssen. noch kreise ich zu sehr im geschlossenen.

raumes unheimlichkeit ist zu anfang eine, nach der raum nicht heimlich ist, spricht die sprache derweil weiter. nach der aller raum nicht heimlich ist. nach der kein heimlicher raum ist. überhaupt keiner. jedenfalls nicht zunächst. beides, solcher raum und solche unheimlichkeit, sind vorarchitektonisch. das ist nicht der raum, in dem ich kreise.

während ich weiter kreise, frage ich mich gleichwohl, ob das ein anfang ist, der mich entführt hat. in einen kreis, der noch gar nicht mein erster ist. mit einem kreis, den ich deshalb den vor meinem ersten nenne, fange ich denn nun an, meine aufzeichnungen nachzuzeichnen.

 

kreis vor dem ersten kreis

raumes unheimlichkeit, die erste, ist eine des leeren raumes. eine der einsamkeit im leeren raum ist sie. kein anderer leib. nur der eigene.

raumes erste unheimlichkeit ist unhäuslich. mit haus hat sie nichts zu tun. kein haus weit und breit. sie ist nur, wo und wenn haus nicht ist. sie ist, wo und wenn noch nicht einmal mauer ist. nicht eine einzige.

sie ist, wo und wenn noch keine der vier antworten ist, die mauern sind. die vier antworten vom anfang sind wohl der anfang eines unheimlichen von ganz anderer Art.

erster raum ist kein architektonischer raum. nichts steht in ihm entgegen. nichts steht dem nichts in ihm entgegen. keine mauer. keine wand. kein dach. kein haus. keine antwort, die verbaut. noch nicht einmal der anfang einer antwort. noch nicht einmal eine frage.

und doch verheimlicht er schon etwas. und doch enthält er bereits die erste heimlichkeit: das nichts.

es gibt keinen anfang, habe ich zu anfang gesagt. es gibt keinen anfang, es sei denn den leeren raum, bin ich nun fast schon geneigt, dagegenzuhalten. doch schrecke ich davor  zurück. ich habe den verdacht, das zu sagen, ist ein fehler. denn wo und was ist leerer raum? der leib ist im haus, auf der straße, auf dem platz, im hof, im wald, auf freiem feld. überall da ist er.

nur im leeren raum, da ist er nicht. da ist er niemals und nirgends. wäre da ein leib, so wäre der leere raum kein leerer mehr. immerhin gäbe es dann darin zumindest schon die gegenwart des eigenen leibes. und wer weiß, was es zudem darin sonst noch so alles gäbe?

ebensowenig ist der leib jemals in einem neutralen raum. den es im übrigen gleichfalls nicht gibt. mag er auch noch so sehr beschworen werden. beide, leerer raum und neutraler raum, sind heimlicher noch als heimlich. sie sind gar nicht.

erster raum ist nicht leerer raum. wenn es einen ersten raum gibt oder jemals gab, so ist oder war er jedenfalls kein leerer raum. erster raum ist offener raum.

nichts ist im offenen raum heimlich. außer dem nichts. das nichts in ihm ist heimlich. das nichts ist heimlich da. zwar ist es als das, was es ist, da. doch sagt es dabei von sich nicht, dass es nichts ist. das heimliche nichts im offenen raum ist unheimlich.

da ist es, das unheimliche von ganz anderer art, jenes unheimliche, das nicht mehr nur das nichtheimliche ist. da ist es zum ersten mal.

wenn der leib in einem raum ist, was er immer ist, so ist er in einem heimlichen raum, oder er ist in einem unheimlichen. woanders ist er nicht.

 

erster kreis

offener raum ist nun keiner mehr um mich. wiewohl ich mir zwar auch vorher schon ganz sicher gewesen bin, in jenem geschlossenen raum zu kreisen, den ich mir aus vier antworten selbst erbaut habe, so fängt der jetzt doch tatsächlich an, sich um mich zu schließen.

raum ohne öffnung ist heimlich. den leib in ihm macht er heimlich. raum ohne öffnung ist unheimlich aber auch. dem leib in ihm gibt er keinen ausweg.

mit raumes heimlichkeit fängt die unheimlichkeit an, die wir gemeinhin meinen, wenn wir von unheimlichkeit sprechen. raumes unheimlichkeit ist danach keine seiner nichtheimlichkeit mehr. eine der nichtheimlichkeit seiner heimlichkeit ist sie vielmehr jetzt. das heimliche sagt von sich, dass es da ist, ohne aber sich zu zeigen.

es gibt keinen anfang, habe ich zu anfang gesagt und fange schon an, mich zu wiederholen. wenn es vom anfang aber doch noch etwas gibt, so ist es vielleicht ein ausweg.

architektur fängt mit dem leib an. was aber fängt sie mit ihm an? womit ich fragen will: was tut sie ihm an? denn das, was sie mit ihm anfängt, ist zugleich auch das, was sie ihm antut. sie verschließt ihn. noch lange aber, bevor sie ihn verschließt, stellt sie sich ihm entgegen. und das ist auch schon der anfang dessen, was sie ihm antut. häuser stellen leibern sich entgegen. aus einem entgegenstehen zu nur einer seite hin wird ein entgegenstehen zu einer weiteren seite hin, zu mehreren, zu vielen und schließlich zu allen seiten hin.

das fliehen und die architektur gehören zusammen. sie sind ein paar. sie sind satz und gegensatz. architektur stellt sich der flucht in den weg.

doch ist sie mehr als nur gegenstand. der, wie sein name schon sagt, entgegensteht. anders als einem gegenstand ist ihr nicht aus dem weg zu gehen. sie steht entgegen und versperrt darüber hinaus. wo ausweg scheint, da steht sie auch.

sperre ist sie rundum. sie sperrt ein. als gegenstand ist sie der gegenstand, der umfasst. und umfasst als solcher doch niemals ganz. trotzdem ist einrichtung der ausweglosigkeit ihre form von anfang an.

die richtung liegt in solcher einrichtung. nicht irgendeine richtung. die eine richtung. von der her nimmt ausweglosigkeit ihren anfang. ihren ausgang nimmt sie da. und kommt auch noch auf einen.

einer richtung allein stellt sie zunächst sich in den weg. ausweg bleibt da noch genug. mehrzahl des auswegs ist sogar. auswege bleiben. diese verstellt sie nacheinander. einen nach dem anderen.

die eine richtung vom anfang erweitert sie. in ausweglosigkeit richtet sie alle richtungen ein. das ist es, was sie zur einschließung gelangen lässt.

von einer richtung her nimmt ausweglosigkeit ihren ausgang. um am ende eine ohne ausgang werden zu wollen. um schlussendlich aber ganz ohne ausgang dennoch nicht zu bleiben.

architektur schließt und lässt doch einen ausgang offen. ausweglosigkeit in alle richtungen richtet sich zum schluss auf einen letzten ausgang hin, auf einen ausweg, der bleibt.

architektonisch gesehen hat das mit den richtungen schon seine richtigkeit. richtige architektur ist eine gerichtete. richtige architektur ist eine der vielen richtungen.

eine der mehrrichtung verstellter auswege ist sie. von der her sie die einrichtung einer ausweglosigkeit mit ausweg vorantreibt. in dem der anfang ihres tuns wiederkehrt. in dem sie ihren eigenen anfang wieder belebt.

wo ausweglosigkeit ist, da ist hineingerichteter raum. hingerichteter raum ist da. auf einen einzigen ausgang hingerichteter raum.

das ist es, was einem raum seine heimlichkeit erzeugt. welche eine ganz bestimmte heimlichkeit ist. eine, die nicht ganz schließt. und genau das ist auch der grund, dass raumes heimlichkeit die unheimlichkeit entsteht.

schließlich entsteht raumes unheimlichkeit einer aufhebung: der aufhebung seiner heimlichkeit. was das werk des ausgangs ist.

hineingerichtet in solche ausweglosigkeit mit ausgang ist nicht nur der raum. da hineingerichtet ist auch der leib. der vor allem. und einer zumindest.

denn raumes ausgang ist nicht nur auf einen einzigen leib hin gerichtet. einen leib drinnen richtet er auf alle leiber draußen aus. alle leiber draußen richtet er auf den einen drinnen ein.

heute mag architektur wohl keinen solchen anfang mehr haben. einen, den sie selbst sich einmal gemacht hat. heute ist raumes heimlichkeit von anfang an überall. aber auch öffnung ist zuhauf. ist es die öffnung, wodurch architektur sich immer noch und so immer wieder auch ganz von selbst einen anfang macht?

noch aber warte ich ab. schließlich kreise ich im geschlossenen.

je mehr ich währenddessen aber überlege, was es damit auf sich hat, desto mehr zeigt es sich auch schon: wie das geschlossene selbst sich aufmacht. und was es ist, das dadurch sowohl hinaus wie auch herein kommt.

wenngleich jedes kreisen, den kreis dichter macht. was jedoch jede öffnung und was aus jeder öffnung kommt nur noch umso deutlicher hervortreten lässt.

leiber kommen aus den öffnungen. leiber verschwinden in ihnen.

immer mehr öffnungen tun sich auf. öffnungen, die notwendig scheinen. öffnungen aber auch, denen sie bereits entsteht, raumes unheimlichkeit, von der die rede ist.

sie sind das ende der straße. sie sind die tür aus dem haus. sie sind die stelle des raumes, wo der um die ecke springt. sie sind aber auch das beleuchtete fenster, mit einem schönen leib dahinter, welcher das unheimliche reizt und dabei in diesem selbst schon sitzt. womit ich bereits etwas vorwegnehme, worauf ich noch einmal kommen werde.

aller anfang im kreisen ist gestellt, habe ich zu anfang gesagt und das anfangen selbst damit gemeint. genauso schwer muss es aber fallen, das ende eines kreises vom anfang des nächsten zu unterscheiden.

auch insofern kommen mir die öffnungen nun gelegen. weil mit jeder von ihnen, die sich auftut, tatsächlich auch etwas umbricht. warum also nicht auch ein kreis in seinen nächsten, in einen hinter der öffnung, der da dann schon ein ganz anderer ist? und immer so fort?

 

zweiter kreis

was ist der grund für den bau von häusern? so fragt mich nun unversehens das nicht mehr ganz geschlossene. der grund für den bau von häusern ist das begehren der leiber. und ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob es sich diese antwort gleich selbst gegeben hat.

doch auch das tun der leiber spricht dafür. sie sagen dasselbe. einzig für das begehren der leiber werden häuser gebaut.

häuser sprechen eine sprache der leiber. roland barthes spricht „eine sprache der liebe“. „fragmente“ dieser schreibt er auf. in einem solchen heißt es: „ich begegne in meinem leben millionen von leibern; von diesen millionen kann ich nur einige hunderte begehren; von diesen hunderten aber liebe ich nur einen.“[1]

der leib, den ein leib begehrt, den ein leib liebt, ist immer der andere leib. leib eines anderen ist und bleibt der immer. genau das aber ist es, was ein leib, der einen anderen begehrt, der einen anderen liebt, zu ändern versucht. er versucht, ihn sich einzuverleiben.

den leib, welchen einer am meisten liebt, sperrt er ein. in ein haus. in sein haus. welches nun das haus seines eigenen leibes wie auch das seines anderen leibes ist.

seinem begehren nach diesem anderen leib geht er im haus nach. mit nur einem anderen leib aber findet er nicht sein auslangen. so geht er seinem begehren nach anderen anderen leibern woanders nach.

die öffnungen im eigenen leib sind auch der grund für die öffnungen im haus. sie sind notwendig. für den einen leib drinnen, um zu anderen leibern draußen zu gelangen. und umgekehrt für die anderen leiber draußen durchweg genauso, um zu dem einen leib drinnen zu gelangen.

es gibt ein verlangen, beileibe woanders hin zu gelangen. es gibt ein verlangen des leibes danach, zu einem anderen leib hin zu gelangen. das wollen die häuser verheimlichen. und können es doch nicht.

raumes unheimlichkeit ist jetzt eine geworden, wie sie aus der unheimlichkeit der leiber kommt. wie sie nun vielmehr von den leibern selbst abhängt als vom raum. wie sie von einer unheimlichkeit der leiber, die heimlich sind, abhängt. von einer unheimlichkeit der leiber, wie sie der heimlichkeit ihrer gegenwart entsteht. wie sie ihrer anwesenheit entsteht, wenn die sie verheimlicht.

 

dritter kreis

die katastrophe des heimlichen ist die öffnung. in dem, das geschlossen ist, bleibt, was eingeschlossen ist, hübsch heimlich. und solange es hübsch heimlich bleibt, ist es panoramatisch. kennzeichen des heimlichen ist das panorama. es ist die geschlossenheit rundum. es ist die heile welt.

panorama haus ist privates pandämonium. das von drinnen rundum sich zeigt. und von draußen, als ob nichts davon wahr sein könne. heimlichkeit stülpt sich von drinnen nach draußen die hübsche hülle über.

der ganz geschlossene raum ist ein lückenloses ungeheuer. weil er keine lücke hat, ist er ungeheuer. unheimlich ist solange nichts an ihm. noch nicht. heimlichkeit versammelt sich in ihm. sie kommt nicht aus. das ist alles.

genau das aber ist auch ihr problem. gerade weil sein raum geschlossen bleibt, wächst das heimliche zum unheimlichen sich aus. am unheimlichen zerbricht das panorama. am unheimlichen, welches aus dem heimlichen drinnen wächst. bis es platzt. bis es aus dem haus auf den platz platzt.

sich selbst verletzt das unheimliche dabei nicht. nur seine heimlichkeit verletzt es. von welcher es fortan nichts mehr hat. es selbst bleibt heile. die verletzung seiner heimlichkeit ist ihm öffnung, durch die es als unheimliches entweicht. und die, durch welche es zurückkehrt, wenn es denn zurückkehrt, ist sie gleich ebenfalls.

die katastrophe des heimlichen ist die öffnung. und sie ist eine doppelte katastrophe. das unheimliche im heimlichen macht sie nicht nur sichtbar. sie verbreitet es zudem.

durch die öffnung wächst das monströse woanders hin. wobei das monströse gleich zweierlei ist. es ist, was im geschlossenen ist. und es ist das geschlossene auch selbst.

obzwar form der missbildung ist es doch mehr schon eine des missbrauchs. als missbildung ist es schließlich nichts weiter als eine umrandung. die, selbst missbraucht, den missbrauch freilich erst gewährleistet: drinnen die leiber wie dinge zu gebrauchen. und seiner öffnung wegen geben sich nun auch überall sonst die leiber wie dinge zu gebrauchen.

schon sind auch straße und platz panoramatisch. nun sind es die häuser, aus denen die katastrophe steigt. weil sie sich als solche so sehr da aneinanderreihen, werden straße und platz zu panoramen der katastrophe selbst.

„es kann, auch ohne dass man betrunken ist, die welt unsicher sein. die straßenwände wanken wie kulissen, hinter denen etwas auf das stichwort wartet, um herauszutreten“[2], weiß moosbrugger, der frauenmörder wider willen, in robert musils roman „der mann ohne eigenschaften“.

es ist das geheimnis im heim, welches monströs wird. es ist der eigene leib, der darin monströs wird. es ist nicht der leib des anderen. monströs wird der eigene leib. allerdings wird der monströs des anderen leibes wegen. nach dem ihn so sehr verlangt. um an diesem zur ruhe zu kommen. um an diesem sich zu befriedigen: das eigene am anderen. denn das eigene lässt sich nur am anderen befriedigen.

und wo ist der andere? wo ist das wo des anderen? im anderen raum ist es. welcher einer des anderen leibes ist.

vielleicht hat das andere sogar am meisten seinen ort im haus. vor allen anderen orten nämlich ist das haus das wo des anderen. es ist der ort, wo ein anderer vor den anderen sich zurückzieht. es ist der ort, wo ein leib vor dem anderen leib sich verbirgt.

es ist aber auch der ort, wo ein leib schon mit einem anderen leib zusammen sich verbirgt. mit einem anderen leib aus allen anderen leibern, den er sich dahinein bereits erwählt hat. im haus macht sich ein leib mit einem anderen zusammen heimlich.

mit einem haus aber, darin ein leib sich heimlich macht, gibt dieser zugleich doch auch ein zeichen von seiner anwesenheit. die gegenwart eines leibes macht das haus jedem anderen leib, der vorbeikommt, unmissverständlich. erklärt sich so die heimlichkeit des leibes sogar zu einem missverständnis? 

wovon sonst spricht die anwesenheit eines hauses? von der anwesenheit eines leibes spricht sie. von der anwesenheit des leibes, der sich da befestigt. raum des leibes ist befestigter raum.

das ist, was der architekt scheinbar macht: er befestigt raum. das ist, was der architekt tatsächlich macht: er befestigt leiber. er kann nicht anders. etwas anderes kann er nicht.

was der architekt kann, das ist die mauer. das loch kann er auch. wohl wahr. dennoch, selbst wenn er etwas öffnet, so hat er dieses doch zuvor befestigt. wenn überhaupt, so hebt er seine befestigungen, die er gemacht hat, mit der zeit nur wieder etwas auf, jedoch längst und niemals ganz.

was der architekt kann, das ist das falsche. der architekt ist ein „falschbauer“. elias canetti, von dem dieser begriff stammt, versteht darunter einen, „der leute in häuser lockt, die er so gebaut hat, dass sie sich selbst darin zugrunde richten.“[3]

im haus fangen die richtungen sich an zu drehen. den leib fangen sie ein. der leib verfängt sich in ihnen.

im zugrunderichten gibt es keine richtungen mehr. da hat alles nur noch eine richtung, die selbst keine ist. hinrichtung ist diese unrichtung. indem es ihm die richtungen nimmt, richtet es ihn hin. ihn, den leib.

haus ist hinrichtung des leibes. wenn es ihn auf sich selbst richtet. wenn es ihn nicht auf seinen ausgang hin einrichtet.

was so zugrunde geht, das geht sich selbst auf den grund. das ist, was sich auf das eigene geht: am anderen! am anderen, der nicht da ist. am anderen, der nicht erreicht werden kann.

 

vierter kreis

raum ist geladen mit leibern. raum lädt mit dem leiblichen sich auf. raumes ladung ist der leib.

es ist der mit lauter anderen leibern aufgeladene raum, der unheimlich ist. wobei es stimmt, dass wohl gerade der raum am unheimlichsten ist, in dem die leiber heimlich bleiben. wenn sie sich nicht sichtbar, nicht hörbar, nicht fühlbar machen. obschon sie da sind und ihre anwesenheit durchweg erahnen lassen. was die untrüglichkeit dieser ahnung, die davon aufkommt, dass sie da sind, ins unerträgliche steigert.

raum selbst ist nicht unheimlich. raum für sich selbst kann gar nicht unheimlich sein. was raum unheimlich macht, das ist seine ladung. das ist seine heimliche ladung. je heimlicher sie ist, desto unheimlicher ist er. raumes unheimlichkeit ist eine, die der anwesenheit des leibes des anderen entspringt.

im raum springt die unheimlichkeit auch selbst. fürs erste springt sie zurück, um aus solchem zurückgesprungensein dann hervorzuspringen. um die ecke springt sie auch. die selbst ein seitensprung des raumes ist.

in leibeigenschaft steht der leib zum raum. der eignet das leibliche sich an. er räumt es sich ein. der aneignung des leibes formt der raum sich entgegen. er tut es in form des hauses. in form der straße und des platzes jedoch nicht anders. in solchem entgegenformen bildet raum sich seinen eigenen leib. dieser ist ein architektonischer.

den leib zu erfassen, darauf zielt seine form. worauf raum aus ist, das ist das anfassen des leibes: von rundum, wie im haus, von zwei seiten her, wie auf der straße, und von allen seiten mit ausnahme von oben her, wie auf dem platz.

das erfassen des leibes beendet den raum, dessen nichterfassen führt ihn fort. das zieht die straße in die länge, den platz in die weite.

während es das haus im kreis sich drehen lässt. das so den leib in ihm umkreist. der aber auch selber kreist. der im haus rotiert. dessen rotationen da und so autoerotische rotationen sind. es gehört zur eigenart des raumes im haus, dass der den leib in ihm um sich selbst kreisen macht. darin fasst der raum des hauses alle räume im haus zusammen.

haus ist heim des leibes. Im heim bewegt sich der leib unentwegt hin und her. und gelangt dennoch nirgendwohin. keine seiner bewegungen führt ihn hinaus. im heim umrundet sich das selbst.

im heim sucht der leib sich selbst heim. dort steigert er sich in sein panoramatisches fürsichsein. welches den unheimlichen raum überhaupt erst erzeugt. der schließlich explodiert. der seinen, in ihm unheimlich gewordenen leib in alle richtungen sich davonmachen lässt.

 

fünfter kreis

raum, der leib erfasst, hat die form des hauses. die form der straße und des platzes hat er dennoch gerade ebenso. schließlich hängen straße und platz vom hause ab. seine form bestimmt auch ihre form.

das haus, welches schließt, schließt sogar vor und hinter sich. es schließt auch straße, hof und platz. indem es sich selbst von überall her schließt, schließt es auch den raum rundum.

haus für haus geschieht ein solches schließen. so ist die straße zwischen den häusern selbst wohl ein haus, öffentlicher zwar als die beiden häuser zu seinen seiten hin. wiewohl sich nicht einmal das mit sicherheit von ihm sagen lässt. welches haus denn nun das öffentlichere von beiden sei, ist vielmehr selbst zuweilen und überdies durchaus von grund auf in frage zu stellen.

als haus zwischen häusern ist die straße nur eben eines, das den leib der länge nach begleitet, von einer mündung zur anderen, von einer zur nächsten, ist eines, das ihn zwischen zwei gegenüber liegenden mündungen hin und her schickt. zur seite hin ist ihm nirgends zu entkommen. das ist es, was den raum der straße so unheimlich macht.

noch unheimlicher aber ist die öffnung am ende gegenüber. denn darauf, auf ein ankommen dort, läuft alles zu. beziehungsweise hinaus und damit auf die frage, was einen leib da wohl erwarte.

gerade der öffnungslosigkeit bis dahin entsteht die unheimlichkeit der öffnung. unheimlich ist zunächst, dass diese öffnungslosigkeit vor jener öffnung ganz am ende nicht endet. erst die öffnung da macht der öffnungslosigkeit ein ende.

zugleich aber wird der leib ebendort seine fassung verlieren. zuvor zu beiden seiten hin gefasst, ist er dazwischen auf alles gefasst. was aber erwartet ihn dort, wo diese fassung entfällt?

doch steht es im haus um ein entkommen denn besser? dem raum der straße nicht entkommen zu können, klingt, als sei dem raum des hauses so viel leichter und einfacher zu entkommen. als sei diesem überall und jederzeit zu entkommen? schließlich aber hält auch der raum im haus nur eine einzige stelle dafür bereit: die tür. welche eingang und ausgang in einem ist.

und das erste, was einem leib ebenda zustößt, das ist das zustoßen der tür. und wenn kein anderer leib sie zustößt, so ist es die tür selbst, welche zufällt. zuhause ist der leib im haus, das zu ist, dessen tür zugefallen, zugestoßen, zugeschlossen ist.

und dann? was ist dann? was ist im haus? warten auf einen leib, der nach hause kommt, ist im haus. und - eine unbefriedigtheit des wartens liegt da auf der lauer. eine, wie sie an einem leib entsteht, der nicht nach hause kommt. der nicht rechtzeitig oder gar nicht mehr kommt. eine, die sich so zu einer unheimlichkeit des raumes auswächst. leibes unbefriedigtheit wächst zu raumes unheimlichkeit an.

aus warten auf einen bestimmten leib, der nicht nach hause kommt, wird warten auf irgendeinen leib, der nach hause kommt.

in lars von triers film „dogville“ ist es ein schöner leib, der nach hause kommt. doch kommt der nicht zu sich nach hause. und er kommt nicht nur in ein haus. er kommt in viele häuser. er kommt in alle häuser. zu sämtlichen bürgern kommt er nach hause. deren häuser sich zusammenschließen: zu einer einzigen schlechten welt, aus der es kein entkommen gibt.

die schlechte welt in lars von triers film ist eine welt der „braven“ häuser. jedes einzelne von ihnen eine andere schreckenskammer. in schreckenskammern machen leiber gebrauch von leibern. in schreckenskammern lassen leiber leiber leiden.

jeden tag erwarten alle diese braven häuser die ankunft des schönen leibes der jungen frau. welche immer schon mit dem wissen durch ihre türen tritt, dass ein jedes sie für eine weile gefangen halten werde, um sie in dieser zeit auf je andere weise darin zu missbrauchen. dabei ist genau festgelegt, welcher leib sie in welchem haus wie lange missbrauchen darf. in einer gutbürgerlichen welt hat eben alles seine ordnung. auch der missbrauch.

und was ihr derart nicht drinnen geschieht, das geschieht ihr eben draußen - woanders zwar, jedoch nie weit davon: im obstgarten, auf der ladefläche des lastwagens. so dass eines jedenfalls und jederzeit gilt: wer sie wo auch immer missbraucht, der kommt aus einem haus. der ist aus einem dieser „braven“ häuser getreten. und der wird immer auch in ein „braves“ haus zurückkehren.

geschlossener raum verschlingt leiber. er verschlingt sie durch eine öffnung, die er sich ebendafür offen lässt. geschlossener raum schließt eben nicht ganz. nicht eines versäumnisses oder defektes wegen. aus absicht.

 

sechster kreis

und so gibt es denn auch keine unheimlichkeit, welche allein schon darin besteht, dass etwas schließt. dass etwas einen raum verschließt. dass etwas einen leib in einem raum verschließt. dennoch ist unheimlichkeit stets etwas, das einem leib entsteht. und zwar einem, der sich in einem verschlossenen raum aufhält, den er selbst rundum sich geschlossen hat.

einen solchen gibt es übrigens auch im offenen raum. er ist das versteck, in dem die anwesenheit des anderen leibes heimlich bleiben kann.

wirksam wird seine unheimlichkeit allerdings erst, wenn er aus seinem heimlichen einmal mehr heraus tritt. wenn er sich, aus dem raum, in dem er sich selbst verschlossen hat, entschließt, heraus und an einen anderen leib heran zu treten. um sich da, bei ihm, sofort wieder in einem Raum zu verschließen.

jetzt jedoch in einem, den er mit dem anderen leib gemeinsam hat. den er sich da mit ihm gemeinsam macht. in den raum um seinen eigenen leib schließt er den anderen mit ein. mag der raum sonst rundum auch noch so offen sein.

wenn nun aber das unheimliche niemals eine sache des raumes selbst ist, wenn es ebenso wenig die sache eines leibes selbst ist, wessen sache ist es denn dann? das unheimliche ist sache einer handlung. einer handlung, welche der eine leib von einem anderen im falle einer begegnung erwartet.

die unheimlichkeit des tuns in einem solchen raum, der zwei leiber zusammenschließt, ist, was diesen unheimlich macht. manchmal ist dieses unheimliche tun noch gar nicht wirklich. das unheimliche steckt aber auch schon in der vorstellung. die eine handlung voraussieht. die eine solche kommen sieht. ob es nun dazu kommt oder nicht.

doch allein die erwartung einer handlung sorgt bereits dafür, raumes unheimlichkeit in einen zustand der wirklichkeit zu versetzen. und wer weiß, vielleicht ist die unheimliche handlung, welche ein leib vom anderen sich derart erwarten zu müssen vorstellt, sogar die, welche er sich von ihm ersehnt? „ich habe noch nie eine phantasie gehabt, die nicht eine - wenn auch noch so verborgene - nabelschnur zur wirklichkeit gehabt hätte“, sagt christian morgenstern.

raumes unheimlichkeit nimmt der eigene leib jedoch nur wahr, wenn er selbst der leib ist, um den sich der raum eines anderen leibes schließt. solange die unheimlichkeit vom eigenen leib ausgeschlossen bleibt, solange der nicht selbst mit ihr eingeschlossen ist, was in beiden fällen von einunddemselben fall spricht, solange spielt raumes unheimlichkeit überhaupt keine rolle.

solange kann sie nicht wirken. unheimlicher raum ist wirklicher raum. unheimlich ist der raum, in dem ein unheimliches wirkt.

erst aber mit dem spüren am eigenen leib kommt es zur wirkung. wenn der andere leib tatsächlich aus der heimlichkeit seiner anwesenheit im unheimlichen raum heraus und an den eigenen leib heran tritt, wenn jener diesen berührt, dann ist raumes unheimlichkeit auf ihrem höhepunkt.

*


[1] roland barthes: fragmente einer sprache der liebe, frankfurt am main 1984, S.39 [französische originalausgabe, paris 1977]

[2] robert musil: der mann ohne eigenschaften, herausgegeben von adolf frisé, reinbek bei hamburg 1989, band 1, S.73

[3] elias canetti: nachträge aus hampstead. aus den aufzeichnungen 1954-1971, frankfurt am main 1995, S.152

 

vortrag | 5. dezember 2003 | von der heydt museum, wuppertal

 

8. internationales symposium der architekturtheorie

andere räume: von foucaults espaces autres zu [un]heimlichen manipulationen oder emanzipationen von körpern im raum

veranstaltet vom institut für architekturgeschichte und architekturtheorie, dem institut für umweltgestaltung und der fakultät ADK [architektur, design, kunst] der universität wuppertal

 

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